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Da wo das Land zu Ende ist - Cornwall 

Ein Reisebericht aus dem S├╝den (der britischen Inseln) von Manfred Piotrowski

Sommer 2004

Quer durch den Kontinent fahren - einfach so? Einige Stunden Autobahn und schon sind wir in Italien, Spanien, Slowenien…

Doch es gibt Gebiete in Europa, die machen es einem schwer, wenn man sie besuchen will. Wir haben uns in diesem Jahr so ein Land ausgesucht - Gro├čbritannien.

Schon tauchen einige Vorurteile auf: Neblig, nass und kalt; schrullige, unfreundliche Menschen... Und au├čerdem fahren sie auf der falschen Stra├čenseite.

Wir haben auf unseren Reisen England von einer ganz anderen Seite erlebt. Hilfsbereite und nette Menschen, die uns stets freundlich begegnet sind. Oft wurden wir nett begr├╝├čt, nach dem woher und wohin gefragt. Gerne wurden ein paar Worte gewechselt. Schon nach kurzer Zeit merkten wir, dass dort die Uhren irgendwie anders gehen. Erleben wir im Alltag so mache Hektik und sogar Aggression, so haben wir dort z.B. beim Einkaufen die Menschen sehr "unaufgeregt" empfunden. Die englische H├Âflichkeit ist wirklich keine leere Floskel, sondern angenehme Realit├Ąt des English way of life. - Sogar im Stra├čenverkehr. Dort geht alles sehr unkompliziert. In einigen Wochen quer durchs Land haben wir so gut wie keine Hupe geh├Ârt! Dr├Ąngeln und  Rasen sind unbekannt. Oft sieht man allerdings die Lichthupe … als Zeichen "ich lasse Dir den Vortritt". Eine nette Geste, die wir als Womofahrer stets dankend angenommen haben. Auf den oft nicht sehr breiten Stra├čen der Countryside haben wir es oft zu sch├Ątzen gewusst. Der Blick des Fahrers versucht immer um die Ecke zu sehen, meistens kommt keiner. Und wenn doch, dann habe ich mich oft erschrocken, obwohl ich damit gerechnet habe. Es ist wie eine Fahrt in der Geisterbahn: Das man sich erschreckt, ist klar - es ist nur die Frage wann! So gibt es auf vielen Stra├čen einspurige Abschnitte mit Ausweichen in erreichbarer N├Ąhe. Hier hat stets das gr├Â├čere Fahrzeug Vortritt! Ohne "b├Âsen Blick" oder andere Gesten wird hier auch mal f├╝nfzig Meter zur├╝ckgesetzt… 

Unser Ziel war Cornwall. Hm, Cornwall? Golfstrom, mildes Klima, Rosamunde Pilcher?

All das hatte uns neugierig gemacht. Wir wurden nicht entt├Ąuscht. Wir erlebten ein Urlaubsland voller ├ťberraschungen: Wilde Felsklippen, endlose Wanderwege entlang der K├╝ste, gr├╝ne einsame T├Ąler mit kleinen verschlafenen D├Ârfern. Liebliche kleine Marktst├Ądtchen. Mediterrane, romantische Fischerd├Ârfer, deren steile Kopfsteinpflasterstra├čen sich direkt ins Meer zu st├╝rzen scheinen. Aber auch die touristischen Hochburgen des vorletzten Jahrhunderts - die klassischen englischen Seeb├Ąder mit ihrem eigenen Charme und ihrem eigenen Publikum.

Aber (einigerma├čen) der Reihe nach:

Wir hatten uns eine g├╝nstige F├Ąhrverbindung herausgesucht und hatten von Calais nach Dover ├╝bergesetzt. Die ├ťberfahrt dauerte etwa neunzig Minuten. Wir hatten die Route mit R├╝cksicht auf unseren Hund so gew├Ąhlt. Seit ein paar Jahren kann man die kleinen Wanderkameraden mit auf die gro├če Insel nehmen - wenn man sich an die Regeln h├Ąlt. (Und hier nimmt man es mehr als genau). Die Formalit├Ąten werden schon in Frankreich absolviert, bevor man ├╝berhaupt in den Hafen gelangt. (Danach hat keiner mehr nach den Papieren gefragt).

Sicher in Dover angelangt, machten wir uns auf den Weg nach Westen. Unsere erste Station war die Isle of Wight, die wir via Portsmouth erreichten.  

In den n├Ąchsten Tagen umrundeten wir die Insel. Auf dem Coast Path fanden wir reichlich Gelegenheit die Natur entlang der Steilk├╝ste zu genie├čen. Die Kosten f├╝r die F├Ąhre in H├Âhe von 120 Brit. Pfund waren so auch relativ schnell verschmerzt. Die Westspitze der Insel ist sehenswert. Wei├če Kreidefelsen, die hoch aufragenden Spitzen der Needles, sind ein Wahrzeichen der Insel. In Alum Bay leuchten die Klippen in zehn verschiedenen Farben am Rande des Meeres. 

Freshwater Bay

Auch in der Hochsaison fanden wir hier ruhige Ecken, beschauliche D├Ârfer aber auch gut frequentierte Badeorte wie Shanklin oder Sandown, die irgendwie den Charme der englischen Badeorte aus dem vorletzten Jahrhundert haben.

Zur├╝ck auf dem Festland - wieso eigentlich Festland, die britische Insel ist ja auch eine Insel- also zur├╝ck auf der gro├čen Insel zogen wir bei bestem Sommerwetter weiter nach Westen. chen Badeorte aus dem vorletzten Jahrhundert haben.

Shanklin High Street

Auf der Halbinsel Swanage, ├Âstlich von Bornemouth gefiel uns besonders der Ort Corfe Castle. Die kleinen H├Ąuser aus grauem Stein strahlten eine angenehme Ruhe aus.

Dominiert wird der Ort von der gleich-namigen  Burgruine. Die Reste der Festung ragen weit sichtbar in den Himmel. Es schien als sei die Zeit hier stehen-geblieben.

Corfe sastle

Ein ruhiger Abend im Pub mit Namen "The Greyhound" war angesagt. Die Schilder, die drau├čen an den Pubs hingen, gefielen mir. Irgendwie erz├Ąhlten die Bilder kleine Geschichten, denn man hatte sich sicher bei der Wahl des jeweiligen Namens etwas gedacht. ├ťberhaupt waren es oft die kleinen Dinge, die uns auffielen. Die Ruhe, vielmehr eine Art "Unaufgeregtheit", die die Menschen an den Tag legen, haben wir als sehr angenehm empfunden. Auch die Liebe zum Detail - wie die Schilder an den Gasth├Ąusern oder eine andere Gewichtung vieler Dinge war manchmal beeindruckend.

Weiter auf dem Weg nach Westen starteten wir eine Wanderung von Lime Regis zum Golden Cap. Es gab dort einen Wanderweg entlang der K├╝ste. Leider kamen wir nach ein paar Meilen nicht mehr weiter, weil der Weg gesperrt war. Ein St├╝ck der Steilk├╝ste war abgebrochen und so wurde der Wanderweg kurzerhand umgeleitet.  

Nicht au├čergew├Âhnlich, aber die Umleitung war den gesamten Weg durch den Ort ausgeschildert. Eine nette Geste.

Nett war auch die Aussicht, wie hier an der Strandpromenade von Burgleigh Salterton, umweit von Exmouth. Statt wei├čer Kreidefelsen ragen hier rote Klippen auf und geben dem Ort eine ganz andere Note. Das Wetter trug auch dazu bei, dass wir uns ├Âfter eher in S├╝deuropa als in S├╝dengland w├Ąhnten.

Trutzig und wehrhaft erschienen uns die Kirchen wie hier die Friedhofskapelle in St. Just in Roseland.

Auf unserer Reise wurden wir immer wieder ├╝berrascht. Trauten wir doch unseren Augen kaum, als ein Kirchenh├╝gel im Meer auftauchte. Mont St. Michel? Haben wir uns verfahren?

Es gab viel zu sehen, so wie hier die Maurerkunst - oder ist es doch nur Stapeltechnik? - Gesehen in St.Mawes.

Auch die Farbgestaltung vieler H├Ąuser war eine Herausforderung an das Auge. Die Farbe Rosa war hier, neben anderen Pastellt├Ânen sehr oft  zu sehen.

Nein, vor der Cornischen K├╝ste gibt es unweit von Penzance etwas wie eine kleinere Ausgabe. St. Michaels Mount, eine dem kleinen Ort Marazion vorgelagerte Gezeiteninsel, die bei Ebbe zu Fu├č zu erreichen ist. Steigt das Wasser eilen kleine Boote herbei, die die Touristen in wenigen Minuten ├╝bersetzt. Da keltische M├Ânchskloster aus dem 6.Jahrhundert war schon immer ein Pilgerziel, so auch in diesem Sommer. Heute im Besitz des National Trust, kann es besichtigt werden. Sehenswert sind auch die G├Ąrten, die sich um die landabgewandte Seite der Insel erstrecken.    

Nat├╝rlich haben wir auch den obligatorischen Besuch in Lands End absolviert. Nein, nicht einfach mit dem Mobil hingefahren, sondern von Sennen Harbour zu Fu├č an der K├╝ste entlang. So n├Ąhert man sich in aller Ruhe dem westlichsten Punkt des britischen "Festlands". Wer die kommerziellen Freizeitangebote nicht mag, der begn├╝gt sich mit der  tollen Aussicht, einem Imbiss und/oder einem Giftshop. 

Teilweise findet man auch ganz nette Dinge f├╝r die Lieben daheim…

Unser Weg f├╝hrt uns weiter entlang der K├╝ste. Nun sehen  wir nicht mehr auf den ├ärmelkanal, sondern schauen auf den weiten Atlantik hinaus.

Entlang der K├╝ste tauchen pl├Âtzlich F├Ârdert├╝rme auf. Sie geh├Âren zu ehemaligen Zinnminen. Teilweise direkt an der Steilk├╝ste stehen hier die stummen Zeugen einer l├Ąngst vergangenen Bl├╝tezeit. Um 1850 deckten man hier in Cornwall mehr als zwei Drittel des Weltbedarfs. Im Jahre 1990 schloss die letzte Mine, die Grevor Tin Mine, die heute als Besucherbergwerk teilweise besichtigt werden kann. Die Stollen, die bis zu 650 Meter tief und bis zu 1,5 Kilometer unter Meer f├╝hrten sind geflutet. Die Besucher werden durch die ├ťbertageanlagen gef├╝hrt, die so aussehen, als h├Ątten die Arbeiter soeben Feierabend gemacht und k├Ąmen bald wieder.

Ein St├╝ck Stollen aus dem 18.Jahrhundert kann befahren werden (wie der Bergmann sagt). Hier in diesem engen Stollen m├╝ssen alle Personen ├╝ber 1,70 Meter H├Âhe den Kopf einziehen. Unser F├╝hrer lie├č durch seine anschauliche und teilweise drastische Schilderung die schwere Arbeit hier unten vor unseren Augen lebendig werden. Eindrucksvoll war f├╝r mich der starke Kontrast zwischen der schweren und gef├Ąhrlichen Arbeit - die Lebenserwartung lag zeitweise bei etwa 27 Jahren - und der traumhaften Landschaft. Doch nur von der sch├Ânen Aussicht wird eine Familie nicht satt…

Die herrliche Aussicht, das traumhafte Wetter lie├č die d├╝steren Gedanken schnell wieder verschwinden. In diesem Jahr zog es uns magisch immer wieder zur K├╝ste. Nach dem Besuch von King Arthur's Castle, bzw. das was von ihm ├╝brig ist, wanderten wir die K├╝ste entlang nach Boscastle. Wir genossen den Nachmittag in diesem netten Ort. Wir ahnten nicht, dass eine Woche sp├Ąter der Ort von einer Flutwelle weitgehend zerst├Ârt wurde.

Doch zun├Ąchst streiften wir weiter die K├╝ste entlang. Hier an Hartland Quay fanden wir das was wir suchten. Sonne, einen ausreichend gro├čen Parkplatz und einen Wanderweg entlang der K├╝ste…

Auf einem kleinen Campingplatz in der N├Ąhe fanden wir Unterschlupf. Auf einer Wiese hoch ├╝ber dem Meer genossen wir die Aussicht auf die untergehende Sonne. Am n├Ąchsten Morgen mussten wir die geplante Tour zum Hartland Point verschieben. In der Nacht begann es zu regnen.

Die K├╝stenstrasse f├╝hrte uns in den Exmoor National Park. Am Rande des mehr als 700 qkm gro├čen Naturreservats f├╝hrte uns Serpentine um Serpentine auf einer teilweise engen Stra├če hinunter nach Lynmouth. Der Ort liegt an der M├╝ndung einen kleinen Flusses unterhalb des mehrere hundert Meter h├Âher gelegenen Lynton. Ein Schr├Ągaufzug f├╝hrt die Besucher in wenigen Minuten hinauf.

Die Weiterfahrt erforderte zun├Ąchst eine Entscheidung: Der Weg nach Lynton hat eine Steigung von 25%, der Weg auf dem wir gekommen sind "nur" 18%! Nun, zur├╝ck wollten wir nicht und es war ganz gut, dass der Hinweis auf die Steigung der  K├╝stenstrasse in Richtung Porlock etwas zugewachsen war. Stolze 28%!  Runterschalten, durchatmen und schon waren wir fast oben.

Irgendwann mussten wir uns von der K├╝ste trennen und den Heimweg antreten.

In diesem Land sieht man t├Ąglich ungew├Âhnliche - vielleicht aber auch nur ungewohnte Dinge. So h├Ąngt hier in Lewes die Kirchenuhr nicht am Turm, sondern ├╝ber der Strasse. Kleine L├Ądchen - so ein Laden in dem es nur Bohnen gibt - luden zum St├Âbern ein.

Alfriston nahe der S├╝dk├╝ste ist ein kleines Dorf in dem man irgendwann einmal die Kalender nicht mehr abgerissen hat und so die "Neuzeit" noch keinen Einzug gehalten hat.  Hier steht eines der ├Ąltesten erhaltenen Wohnh├Ąuser in England. Nahe der Kirche aus dem 14.Jahrhunder steht Clergy House. Es war der erste Ankauf des National Trust. F├╝r sage und schreibe 10 Pfund wechselte das Geb├Ąude im Jahre 1891 den Besitzer.

Hier das urt├╝mliche "George Inn" mit einer Schanklizenz aus dem Jahre 1397! Heute ziehen unz├Ąhlige Touristen durch die Highstreet.  

Uns zog es nach einem etwas feuchten Tag in diesem bewohnten Schmuckk├Ąstchen weiter in Richtung F├Ąhre … und somit wieder zur K├╝ste!

Bei strahlendem Sonneschein machten wir uns auf den Weg von der M├╝ndung des Cookmeer River ├╝ber die Klippen nach Birling Gap. Auf und ab f├╝hrte der Weg. Immer wieder hinab bis fast auf Meeresh├Âhe, dann wieder hinauf. "Seven Sisters" werden diese Klippen genannt. Und so geht es sieben Mal...

 

Unsere Fanny fand es toll, doch sie hat ja auch "Allradantrieb".

Ein Gr├Â├čenvergleich - mehr als 120 Meter hoch sind die Kreidefelsen am Birling Gap.

Irgendwann geht auch die l├Ąngste Reise einmal zu Ende.

Eines ist sicher - wir waren nicht zum letzten Mal hier auf dieser Insel. Da wo alles etwas anders ist, dort wo sie alle auf der falschen Stra├čenseite fahren, dort, wo man sein Bier im Pub stets sofort bar bezahlen muss. Uns ist das Land, in dem man mit vielen Dingen einfach anders umgeht, sympathisch.

Bye bye!

© mp 2004

 

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